15.10.2022: Exkursion „Wald im Klimawandel“

am Beispiel des Meißner Stadtwaldes

Wir wollen um 10:00 Uhr starten und ca. 3 Stunden einplanen.

Geführt wird die Wanderung von Stefan Escher, Forstassessor und Projektleiter Naturschutzfachplanungen beim BUND Dresden.

Wald im Klimawandel – BUND-Wanderung durch den Meißner Stadtwald

Unter dieser Überschrift trafen sich am Sonnabend, dem 15.10.22 15 natur- und umwelt- interessierte Bürger, um im Wald vor unserer Haustür auf Spurensuche zu gehen. Geleitet wurde die Exkursion von Stefan Escher, Forstassessor und Sprecher des Landesarbeitskreises Naturschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Erste Station war eine junge Kahlschlagfläche von 1,5 ha Größe am Kirchsteig. Hier wurde kürzlich ein von Borkenkäfer befallener Fichtenbestand am Steilhang gefällt und im Frühjahr 2021 mit Traubeneichen, Hainbuchen,Winterlinden, Vogelkirschen und Rotbuchen aufgeforstet. Ein solcher Kahlschlag stellt einen tiefgreifenden Eingriff in das Waldökosystem dar. Die Licht- und Tempera-turverhältnisse ändern sich so grundlegend, dass die in Schlagabraum, Wurzeln und im Boden gebundenen Nährstoffe aufgrund angefachter Zersetzungsprozesse plötzlich freigesetzt werden. Dies befördert die Ausbreitung von stickstoff- und lichtliebenden Arten wie Himbeere, Brombeere, Fingerhut u.a., die wiederum den aufgeforsteten Jungbäumen das Leben schwer machen. Deshalb sind über Jahre vermutlich sehr aufwändige Pflegearbeiten nötig. Aufgrund des Steilhangs wird jedoch auch ein Großteil der Nährstoffe ausgewaschen und belastet die örtlichen Fließgewässer. Auch der im Bestand gebundenen Kohlenstoffs wird teilweise in relativ kurzer Zeit freigesetzt, was den Klimawandel anfacht. Durch die großflächige Freilegung und den Einsatz von schweren Forstmaschinen, verbunden mit erheblichen Erdarbeiten verringert sich auch die Wasserspeicher-fähigkeit des Bodens. Nicht zuletzt ist auch das Landschaftsbild durch die im Wald „klaffende Wunde“ über Jahre beeinträchtigt.

Wälder und ihre Böden sind neben Ozeanen sowie Mooren die wichtigste Kohlenstoffsenke und damit geeignet, dem anthropogenen Klimawandel entgegenzuwirken. Bäume entziehen der Luft CO2 und binden den darin enthaltenen Kohlenstoff beim Wachstum in ihrer Biomasse (Pflanzen, Tiere, Pilze, Humus). Entscheidend für die Funktionsfähigkeit des Waldes als Senke für Treibhausgase ist die Art und Weise seiner Bewirtschaftung. Insgesamt war hier der notwendige Waldumbau von einer Fichtenmonokultur zu einem artenreichen Laubwald mit hohem Kostenaufwand zwar notwendig, aufgrund der Größe und landschaftlich sensiblen Lage jedoch mit unerwünscht großen „Nebenwirkungen“ verbunden. Dies könnte zukünftig durch Umstellung auf naturgemäße Waldwirtschaft weitgehend vermieden werden, indem man die Eingriffsstärkentiefe minimiert, weniger Großtechnik einsetzt und die natürlichen Prozesse des Waldes wie Naturverjüngung stark befördert. Alle Teilnehmer waren sich der Bedeutung der Wälder für den Klimaschutz bewusst.

Auf dem Weg zur Hohen Eifer fielen den Teilnehmern viele tote Bäume auf, die sämtlich gefällt und überwiegend in Stücke gesägt wurden. An dieser Stelle wurde von Stefan Escher auf die große Bedeutung von Totholz im Wald hingewiesen. Totholzist Lebensraum einer Vielzahl hochspezialisierter Arten und es spielt eine wichtige Rolle im Stoffkreislauf des Waldes. Vor allem an Steilhängen ist Totholz für die natürliche Waldverjüngung und für den Erosionsschutz, von großer Bedeutung. Sein Vorhandensein oder Fehlen bestimmt maßgeblich die Artenvielfalt und Biotopqualität von Waldbeständen. Auch angesichts des Klimawandels sind hohe Totholzvorräte im Wald anzustreben, da hierin über längere Zeiträume CO2 gebunden und dem wachsenden Humusvorrat des Bodens zugeführt wird. Starkes Totholz ist zudem in der Lage, Wasser zu speichern und kann so Trockenstress von Waldbeständen entschärfen und z.B. zum Überleben von Amphibien wie dem Feuersalamander während trockener Perioden beitragen. Im Forstbetrieb ist Totholz „ungeliebt“, da es durch ggf. unkontrolliert herabstürzende Kronenteile beim Holzeinschlag einerseits Risiken für Waldarbeiter und Technik (v.a. im Laubholzeinschlag) birgt, andererseits durch mögliche Gefährdungen (öffentliche Wege und Straßen, Waldbesucher) oft unberechtigt Sorgen vor Schadensersatzansprüchen Dritter schürt. Für den Artenschutz besonders wertvoll ist stehendes Totholz, von welchem ein Kosmos hochspezialisierter Tier-, Pilz- und Pflanzenarten abhängt. Wichtig ist v.a. starkes Totholz größer als 30 cm Durchmesser. Insgesamt wird von Stefan Escher jedoch

eingeschätzt, dass allgemeine Absichtserklärungen hinsichtlich Steigerung von Totholz und Biotopbäumen im Wald überwiegend nicht wirksam geworden sind. Hier muss – auch im Stadtwald – endlich ein grundlegendes Umdenken erfolgen!

Waldbrandschutz wird spätestens seit dem Hitzesommer 2022 ebenfalls als ein Grund für die Beseitigung von Totholz angeführt. Dabei sind v.a. Reisig, Streuschicht und trockene Grasbestände im Hinblick auf den Waldbrandschutz problematisch, während starkes Totholz vor allem die Passierbarkeit von Beständen beeinflusst. Außerdem gehen weniger als 2% der Waldbrände in Deutschland von natürlichen Ursachen aus. Hauptursache für Waldbrandgefahren im Wald ist somit in Mitteleuropa stets der Mensch und von ihm ausgeführte illegale Handlungen im Umgang mit Feuer.

Am Waldrand zur angrenzenden Korbitzer Feldflur wurden die Probleme der industriellen Landwirtschaft für Wald und Natur diskutiert. Die hängigen Feldflächen waren in Verbindung mit Starkregen im Frühsommer 2014 Ursache für eine verheerende Schlammflut im Stadtwald und im Triebischtal. Seitdem ist zwar einiges geschehen: 8,5 ha Waldrand wurden zwischen Korbitz und Kanonenweg aufgeforstet. Trotzdem gibt es nach wie vor große Bereiche, in denen der Acker unmittelbar an den Waldrand mit überwiegend extremen Steilhanglagen grenzt. Alle Teilnehmer äußerten ihr Unverständnis, dass es der Stadt Meißen in 8 Jahren seit der Schlammflut nicht gelungen ist, als Verpächter der Flächen ein erosionsminderndes Bewirtschaftungskonzept zu vereinbaren. Schon ein 50 m breiter Streifen entlang des Waldrandes sowie größere Bereiche neu angelegten Extensivgrünlandes oberhalb von Erosionsrinnen wäre eine wirksame Maßnahme, die den Wald vor Erosion, Schlamm- und Schadstoffeinträgen (Dünger, Pflanzenschutzmittel) aus den Ackerflächen schützt. Gänzlich unverständlich war den Teilnehmern die noch immer stattfindende ackerbauliche Nutzung an der Hohen Eifer. Hier werden im Wald gelegene Splitterflächen intensiv bewirtschaftet, was weder dem umliegenden Wald mit seinen nährstoffarmen, geschützten Biotopen und FFH-Lebensraumtypen noch dem archäologischen Bodendenkmal „Hohe Eifer“ zuträglich ist. Die Fläche sollte aus Sicht vieler Teilnehmer mit Laubwald aufgeforstet werden.

Über den Götterfelsen ging es zurück ins Triebischtal. Dabei machte der Exkursionsleiter Stefan Escher auf dichte Robinienbestände, und den Götterbaum, der sich unterhalb der Hohen Eifer ausbreitet aufmerksam. Das Problem dieser von Menschen künstlich eingeführten Baumarten besteht darin, dass sie sich invasiv ausbreiten und absehbar die natürlichen Waldgesellschaften vollständig verdrängen werden. Dies ist besonders für die geschützten Lebensraumtypen am Götterfelsen bedrohlich und sollte dringend verhindert werden.

Einen letzten Stopp gab es noch am Kleinen Königsee. Hier wurden durch eine jüngst erfolgte Renaturierungsmaßnahme die Lebensbedingungen für den hier noch lebenden seltenen Feuersalamander verbessert. Allerdings wirkte das Umfeld des Gewässers zu stark „aufgeräumt“. Hier könnte die Strukturvielfalt und damit die Lebensraumqualität durch Steinhaufen, Totoholz und unregelmäßigere Ufergestaltung verbessert werden. Auf dem Rückweg wurde schließlich noch ein toter Feuersalamander entdeckt, welcher vermutlich von einem Auto überfahren wurde. Dennoch ließ sich die Schönheit des schwarz-gelben Tieres erahnen.

Alle Teilnehmer waren sich einig, dass der Stadtwald, der überwiegend als Landschaftsschutzgebiet, FFH-Gebiet und lokal als Flächennaturdenkmal ausgewiesen ist, für den Schutz der Stadt Meißen vor schädlichen Umwelteinflüssen, für die Natur sowie als Erholungsort für die ansässige Bevölkerung von hoher Bedeutung ist. Umso bedauerlicher wurde es gesehen, dass kein Vertreter der Stadt oder von Sachsenforst zugegen war, um am Dialog teilzunehmen. Grund genug, die Verantwortlichen von Stadt und Forst weiter zu sensibilisieren und an den Themen aktiv dranzubleiben!

Naturlehrpfad Meißner Stadtwald

https://www.outdooractive.com/de/route/wanderung/dresden-elbland/naturlehrpfad-stadtwald-meissen/22569389/

Information zur Aufforstung im Meißner Stadtwald:

https://www.stadt-meissen.de/de/pressearchiv-detail/aufforstung-im-meissner-stadtwald.html

BUND Position zur Wildnis in Sachsen:

https://www.bund-sachsen.de/themen/natur-landwirtschaft/waldwildnis/

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